Stadtteilspaziergang in Gedenken an Mehmet Turgut

Am Sonntag, den 20.02.2022, beteiligten sich etwa 25 Antifaschist*innen im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel an einem Stadtteilspaziergang in Gedenken an Mehmet Turgut. Dieser wurde im Neudierkower Weg am 25.02.2004 von Neonazis des NSU-Netzwerks ermordet. Während des Spaziergangs wurden zahlreiche Plakate und Sticker verklebt, die an Mehmet Turgut erinnern.
 
Mehmet Turgut wurde am 2. Mai 1977 in Kayalık geboren. Später lebte er in Hamburg, kurze Zeit vor seinem Tod zog er nach Rostock. Dort half er am 25. Februar 2004 in einem Imbiss im Neudierkower Weg aus, als Neonazis des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ ihn kurz nach 10 Uhr erschossen.
 
Mehmet wurde nur 25 Jahre alt. Er wurde aufgrund seiner Herkunft getötet und war eines von neun Opfern der rassistischen Mordserie des NSU-Netzwerks. Erst Jahre nach seinem Tod wurde dies anerkannt, zuvor ermittelten die Behörden vor allem im Umfeld der Familie Turguts und ließen rassistische Motive außer Acht.
Auch nach dem Auffliegen des Kerntrios des NSU-Netzwerks, Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, kann nicht von einer Aufklärung der Mordserie gesprochen werden. Das Unterstützernetzwerk der Neonazis wurde im NSU-Prozess kaum in den Blick genommen, stattdessen wurde das Bild eines größtenteils eigenständig agierenden Trios gezeichnet. Dass die drei Neonazis zahlreiche Morde, Anschläge und Banküberfälle in weit entfernten Teilen Deutschlands ohne Unterstützung lokaler Faschisten durchführten erscheint jedoch fragwürdig, zumal gute Vernetzungen der drei innerhalb der rechten Szene belegt sind.
Auch in Mecklenburg-Vorpommern gab es mit großer Wahrscheinlichkeit Neonazis, die bei dem Mord an Mehmet Turgut und Banküberfällen in Stralsund Unterstützung leisteten. Kontakte zu langjährigen Kadern aus MV wie David Petereit (NPD MV) und Hans Günter Eisenecker (ehem. NPD­-Landesvorsitzender) liegen noch immer im Dunkeln.
Während Verfassungsschutz und Polizei ihrer Rolle im NSU-Komplex entsprechend wenig zur Aufklärung beitrugen, wurde in Mecklenburg-Vorpommern 2018 nach langem Ringen ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingerichtet. Dieser konnte jedoch keine nennenswerten neuen Erkenntnisse zu Tage fördern. Es bleibt zu hoffen, dass ein Ende 2021 beschlossener zweiter Untersuchungsausschuss erfolgreicher ist. Angesichts der Blockadehaltung vieler Verantwortlicher, beispielsweise im Innenministerium, wird dies vermutlich schwierig. Der neue Untersuchungsausschuss zeigt sich zumindest ambitioniert und will auch Neonazi-Netzwerke der jüngeren Zeit, wie Nordkreuz und Baltik Korps, in den Blick nehmen.
 
Rassistische Gewalt hat in Deutschland lange Tradition. Der Mord an Mehmet Turgut beziehungsweise die Mordserie des NSU war kein Einzelfall. Immer wieder kam es zu rassistischen Mordanschlägen und -versuchen. In der jüngeren Vergangenheit waren es besonders die Nachwendejahre, welche sich durch eine Welle rassistischer Gewalt auszeichneten. Dieses Jahr jährt sich zum 30. Mal eines der prägendsten Pogrome jener Zeit – Rostock Lichtenhagen.
Bis heute stellen die Angriffe auf ein Wohnheim vietnamesischer  Vertragsarbeiter*innen eine Art Aushängeschild des gesellschaftlichen Klimas der 90er Jahre dar. Der gesellschaftliche Diskurs, der Asyl in Frage stellte und Hass auf Nicht-Deutsche schürte, hatte nicht nur  unmittelbar die rassistischen Angriffe von Hoyerswerda, Lichtenhagen, Mölln und anderswo zur Konsequenz. Er prägte auch eine Generation von Rassisten, deren Gewalt noch Jahre später anhielt. Auch Mehmet Turguts Mörder des NSU waren bereits in den 90ern aktive Neonazis. Sie erlebten eine Gesellschaft in der Tausende vor den Hochhäusern in Lichtenhagen applaudierten, als die dort lebenden Vietnames*innen angegriffen wurden. Sie nahmen in den Medien eine Das-Boot-ist-voll-Rhetorik wahr, die ihnen vermittelte, dass ein großer Teil der Bevölkerung hinter ihren Gewalttaten stünde. Sie politisierten sich auf eine Weise, die ihnen Jahre später ermöglichte 9 Menschen aus rassistischen Motiven zu töten.
 
In Gedenken an Mehmet Turgut und alle anderen Opfer rassistischer Gewalt.
 
Kommt am Freitag, den 25.02.2022, um 16 Uhr zur Gedenkveranstaltung am Neudierkower Weg in Toitenwinkel.