Veranstaltungen im Juni

Ausstellungseröffnung „Brotherland“
02.06., 19 Uhr Peter-Weiss-Haus

Die Wiedervereinigung war für viele ein Fest, für andere der Beginn einer Zeit voller Angst und Gewalt. Die Ausstellung soll die Stimmung deutlich machen, in der die Angriffe stattgefunden haben und von einer breiten Masse legitimiert wurden. Dies wird durch eine Kontextualisierung von Fotos, Archivmaterial, Portraits, Interviews und Texten dargestellt und verständlich aufbereitet.

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BROTHERLAND Präsentiert von – Antifa United Rostock – im Rahmen des Bündnis – Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992. –
Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer und ein Jahr später wird Deutschland wiedervereinigt. Fur viele ein Fest, die Errungenschaft der Freiheit, die Verwirklichung von etwas lang Erträumtem. Für andere der Beginn einer Zeit geprägt von Gewalt und Angst. Wie so oft hat die Geschichte mindestens zwei Seiten.
Eberswalde, 24 November 1990. Der – ehemalige – Vertragsarbeiter Amadeu Antonio Kiowa wird von Neonazis überfallen und verstirbt am 6. Dezember. Er war eines der ersten Todesopfer rassistischer Gewalt im eben erst wiedervereinigten Deutschland. Amadeu Antonio war 1987 als Vertragsarbeiter aus Angola in die DDR gekommen.
Um den Mangel an Arbeitskräften zu beheben, schloss die DDR ab Anfang der 1960er-Jahre bilaterale Verträge mit anderen Staaten zur Ausbildung und Beschäftigung von Arbeitskräften ab. Diese sozialistischen Herkunftsländer wurden als Bruderländer defniert. Die ersten Vertragsarbeiter:innen kamen aus Polen und Ungarn, spater auch aus Algerien, Angola, Kuba, Mosambik und Vietnam.
Die „Ausländer raus“-Gewalt nach der Wende begann nicht erst 1992 mit dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen und den Brandanschlägen 1993 in Mölln und Solingen. Bereits 1991 wurden in Hoyerswerda tagelang ein Wohnheim für Vertragsarbeiter und eine Geflüchtetenunterkunft angegriffen. Zeitweise standen bis zu 500 Schaulustige vor den Heimen, aus dieser Masse heraus fanden die Angriffe statt. In Rostock-Lichtenhagen wurden das Wohnheim ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen und die „Zentrale Aufnahmestelle fur Asylbewerber“ angegriffen. Steine und Molotow-Cocktails flogen gegen die Gebäude und auf die Menschen in ihnen. An diesem Pogrom beteiligten sich mehrere hundert Neonazis und bis zu 3.000 applaudierende Zuschauer:innen.
Hoyerswerda und Rostock waren, wie alle rechtsextremistischen Anschläge der 1990er- Jahre, Ausdruck rassistischer und nationalistischer Einstellungen, die später zum mörderischen Terror des sogenannten NSU führten.
In der tagesaktuellen Berichterstattung und auch der Geschichtsschreibung kamen – und kommen – die Menschen, gegen die sich diese Gewalt richtete, selten zu Wort. Auf die Fragen, wieso (deutsche) Jugendliche den Hitlergruß machen oder wieso der Rassismus in den neuen Bundesländern womöglich „verständlich“ sei, wurde erheblich mehr Gewicht gelegt.
Die Künstler*innen haben ehemalige Vertragsarbeiter:innen aus Angola, Mosambik und Vietnam in verschiedenen Bundesländern interviewt und porträtiert. Ebenso haben sie sich aber auch entschieden, Deutsche zu interviewen, die in den 1990er-Jahren in Hoyerswerda, Eberswalde und Rostock gelebt haben, um mehr von den/ihren Lebensrealitäten während und nach der Wende zu erfahren.
In der Summe soll BROTHERLAND die Stimmung deutlich machen, in der die Angriffe stattgefunden haben und von einer breiten Masse legitimiert wurden.
Die Komplexität jener Jahre und ihr Erbe lässt sich durch eine Kontextualisierung von Fotos, Archivmaterial, Portraits, Interviews und Texten darstellen und verständlich aufbereiten.

 

Vortrag: Antikriegsbewegung in Russland/Lage ukrainischer Geflüchteter
08.06., 19 Uhr Café Median*

Viel wird über den Krieg in der Ukraine berichtet. Um die Antikriegsbewegung in Russland ist es jedoch stiller geworden. Dabei ist einiges los, es brennen kriegswichtige Anlagen, entgleisen Züge und Menschen machen weiterhin ihre Ablehnung des Krieges deutlich. Die Gruppe PostKom wird einen kurzen Überblick über die Haltung der russischen Linken zum Krieg geben und über die jüngsten Ereignisse berichten. Außerdem werden sie über die Lage ukrainischer Geflüchteter unter anderem in Polen berichten.

Weitere Infos zur Gruppe PostKom findet ihr hier: https://postkom.wordpress.com/

Lesung mit NSU Watch: Aufklären und Einmischen
17.06., 19 Uhr Café Median*

Das zentrale Anliegen des Buches von NSU-Watch ist, die rassistischen Strukturen, die den NSU hervorbrachten, ihn wissentlich oder unwissentlich unterstützten und so zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle zwischen 1998 und 2011 möglich machten, entlang der Geschehnisse und Akteur*innen des NSU-Prozesses in München aufzuzeigen. Trotz der vielen offen gebliebenen Fragen soll das Buch eine Zwischenbilanz bieten, die antifaschistischer Demokratieförderung zugrunde gelegt werden kann.

Mehr Infos zum Buch findet ihr hier: https://www.nsu-watch.info

 

Mobivortrag zur Demo in Güstrow: „Das Nordkreuz-Netzwerk“
18.06., 19 Uhr Café Median*

Berichte über Prepper und Neonazis in Uniformen sind beinahe an der Tagesordnung. Das „Nordkreuz“-Netzwerk bereitete sich in Mecklenburg-Vorpommern auf den Umsturz und die Ermordung von politischen Gegner*innen vor. Ein Schießplatz in Güstrow ist dabei von besonderer Bedetung. Weshalb dort nun eine Demonstration stattfindet, erfahrt ihr in diesem Vortrag.

Mehr Infos zur Demo findet ihr hier: https://www.ihrseidkeinesicherheit.org

Vortrag mit Merle Stöver: Der Antiziganismus der „sauberen Deutschen“
24.06., 19 Uhr Café Median*

Die Frage, weshalb die antiziganistischen Dimensionen des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen nahezu völlig unbekannt sind, führt uns auch zur Diskussion der brennenden Aktualität antiziganistischer Zustände. Denn während in Deutschland in Anbetracht der EU-Freizügigkeit über eine vermeintliche „Einwanderung in die Sozialsysteme“ und „Sozialschmarotzertum“ sinniert wird und sich in Städten wie Berlin, Duisburg oder Halle Bürgerinitiativen gegen vermeintliche „Problemhäuser“ gründen, ist eines klar: Sowohl die Gewaltbereitschaft des Antiziganismus als auch die Ignoranz gegenüber dieser findet sich nicht nur am rechten Rand, sie ist in der Mitte fest verankert.

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Die verdrängte Dimension des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen 1992.
Unter Parolen wie „Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!“ belagerte im August 1992 ein Bündnis aus Rostocker Anwohner*innen und eigens zu diesem Anlass angereisten Nazis die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber*innen (ZASt) und das Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen. Mehr als hundert Vietnames*innen und antifaschistische Unterstützer*innen entgingen dem Tod in dem brennenden Haus nur knapp.
Über die immense Bedeutung des Pogroms von Lichtenhagen für den Rassismus des wiedervereinten Deutschlands ist man sich – zumindest in der gesellschaftlichen Linken – im Grunde genommen einig. Dass jene Ausschreitungen jedoch vor allem das Ergebnis der antiziganistischen Gerüchte und Ressentiments waren, mit denen Politik und Medien bereits seit 1990 gegen asylsuchende Rumän*innen hetzten und die Debatte über den „Asylkompromiss“ befeuerten, ist weitestgehend unbekannt.
Bereits 1990 wusste man in Zeitungsartikeln und Leserbriefen genauestens zu berichten, wie diejenigen, denen unter der rassistischen Fremdbezeichnung ‚Zigeuner‘ ein kollektives So-Sein zugeschrieben wurde, so seien: In einem Artikel hieß es gar, sie hätten die durch Steuergelder finanzierten Möbel der ZASt auf dem Balkon aufgetürmt, daraus ein Lagerfeuer gemacht und eine Möwe gegrillt. Ihnen wurde alles angelastet: Die schlechte Obsternte, das tote Schaf, das im Wald gefunden wurde, jeder Diebstahl im Supermarkt, selbst das flaue Gefühl im Magen, wenn man auf dem Weg zur Arbeit an bettelnden Kindern vorbeigehen musste. Es herrschte Einigkeit in Politik, Medien und unter den Anwohner*innen: Die Asylbewerber*innen aus Osteuropa sollten weg.
Auf der Grundlage einer Auswertung von über 600 Lokalzeitungsartikeln widmet sich der Vortrag einerseits einer Untersuchung des Antiziganismus, der die Asylbewerber*innen kollektiv zur Negativfolie der fleißigen und sauberen Deutschen machte. Andererseits soll das Pogrom als konformistische Revolte gedeutet werden, hinter dem sich vor allem ein Wunsch verbarg: endlich wieder richtig deutsch sein zu dürfen.
Die Frage, weshalb die antiziganistischen Dimensionen des Pogroms nahezu völlig unbekannt sind, führt uns auch zur Diskussion der brennenden Aktualität antiziganistischer Zustände. Denn während in Deutschland in Anbetracht der EU-Freizügigkeit über eine vermeintliche „Einwanderung in die Sozialsysteme“ und „Sozialschmarotzertum“ sinniert wird und sich in Städten wie Berlin, Duisburg oder Halle Bürgerinitiativen gegen vermeintliche „Problemhäuser“ gründen, ist eines klar: Sowohl die Gewaltbereitschaft des Antiziganismus als auch die Ignoranz gegenüber dieser findet sich nicht nur am rechten Rand, sie ist in der Mitte fest verankert.